So schnell wirst Du ein Rabenvater 

„Nicht einmal Gott kann es jedem recht machen“

(ungarisches Sprichwort)

Ich liege mit meinem Sohn und meiner Frau an einem wunderschönen Strand und wir genießen das Leben in vollen Zügen. Es ist ein Moment, wie er besser nicht sein könnte. Die Sonne strahlt vom azurblauen Himmel hinunter auf meinen Pelz und die ganze Welt scheint in Glück und Frieden uns zu Füßen zu liegen. Mein Kleiner möchte nun mit einem Boot hinaus auf das Meer zu einer kleinen Insel fahren und ich möchte das auch. Wir gehen zum Bootsverleih hinunter und mieten uns ein kleines Boot mit zwei Rudern. Meine Frau bleibt am Strand in der Sonne liegen und winkt uns zufrieden lächelnd zu. Kein Wunder, dass es der feinen Dame gut geht. Sie lässt sich mit einem Palmenblatt frische Luft zufächeln von einem Touristen mit Schlapphut, Sandalen und weißen Socken und schlürft in einer äußerst eleganten Pose einen grünen Saft auf Eis.

Ich setze mich in die Mitte unseres Bootes und mein Junge macht es sich bequem. Er lehnt sich zurück und freut sich auf die gemeinsame Tour. Nach wenigen Ruderschlägen sind wir auf der Höhe eines Schwimmers. Er schaut zu uns in die Richtung und brüllt plötzlich:

„Was hast Du Loser denn für einen faulen Bengel auf die Welt gebracht? Wenn ich an Deiner Stelle wäre, dann müsste mein Nachwuchs rudern und ich würde schön in eurer lächerlichen Nussschale abschimmeln und mich nicht bewegen.“

Da ich keinen Ärger machen wollte und mein Junge etwas Angst bekam, haben wir die Positionen gewechselt. Schnell und unauffällig habe ich dem Schwimmer noch eine Feuerqualle in die Badehose gestopft und mich danach an den Platz meines Sohnes gesetzt. Nun hat er die Ruder übernommen und ich sitze faul und entspannt auf einer Planke. Meinem Jungen fällt das Rudern noch sehr schwer. Er ist erst 5… aber was soll denn der Schwimmer sonst von uns denken?

Dicht neben uns taucht ein Schnorchler auf. Er schaut zu uns rüber und fängt sofort an zu pöbeln.

„Was bist Du denn für eine Pfeife? Siehst Du denn nicht, wie schwierig es für Deinen Sohn ist, allein die Ruder zu übernehmen? Hilf ihm gefälligst mal, das kann ich mir gar nicht mit ansehen.“

Er hat Recht, denke ich mir, aber das wusste ich auch vorher schon. Wäre doch da bloß nicht der Schwimmer gekommen und hätte mich zusammengefaltet, dann würde ich jetzt keinen Ärger mit Schnorchel-Schorse haben. Ich stopfe ihm unauffällig den Korken der Saft-Flasche meiner Frau in die Öffnung seines Schnorchels, den ich noch in der Badehose hatte, und übernehme ein Ruder unseres kleinen Bootes. Wir fahren endlich weiter, sind aber noch nicht weit weg vom Strand. Wie auch, wenn wir ständig aufgehalten werden… Nun drehen wir uns im Kreis, denn unsere Kraftverhältnisse sind zu unterschiedlich, wenn wir uns die Ruder teilen. Neben uns taucht ein anderes Boot mit zwei Fischern auf, sie fangen schallend an zu lachen uns zeigen mit den Fingern auf uns.

„Jetzt schau Dir mal diesen langen Schülerlotsen mit seinem Jungen an! Die rudern doch tatsächlich gleichzeitig und drehen sich die ganze Zeit im Kreis.“

Stimmt, dachte ich mir. Das ist wirklich nicht die beste Lösung, aber wenn der Schwimmer und der Schnorchler nicht gewesen wären, dann hätten wir sicher schon die kleine Insel erreicht, zu der wir fahren wollten. Ich tauche kurz unter ihr Boot, verjage alle Fische, verknote ihre Angelhaken miteinander und ziehe kräftig dran…

Uns ist der Spaß ein wenig vergangen. Deswegen beschließen wir zurückzufahren und das Boot wieder abzugeben. Mein Sohn ist ziemlich traurig, aber was sollen denn der Schwimmer, der Schnorchler und die jetzt im Wasser treibenden Angler von uns denken? Ob wir jemals noch zu unserer Insel kommen werden? Vielleicht versuchen wir es morgen wieder. Am Strand angekommen habe ich eine tolle Idee. Wir geben das Boot zurück an den Bootsverleiher und ich hole einmal ganz tief Luft und konzentriere mich. Ich recke die Hand über das Meer und teile das Wasser bis zur Insel, nehme meinen Kleinen auf Huckepack und will gerade losgehen. Plötzlich macht mich der Bootsverleiher lautstark an:

„Was soll das denn jetzt? Willst Du Deinem Kleinen nicht lieber das Schwimmen beibringen, wenn Du es nicht mal schaffst ihm zu zeigen, wie man mit einem Boot fahren kann, Du Rabenvater?“

Ich habe dann das Wasser wieder geschlossen und über dem Kopf des Bootsverleihers eine Gewitterwolke platziert, bin wieder in das Boot gestiegen und mit meinem Sohn zu der Insel gefahren. Ach, war das wunderschön dort 🙂 .

Es ist egal, was Du machst und wie Du es machst. Du wirst es nie allen Menschen recht machen können. Egal, wie sehr Du Dich dabei anstrengst. Lass Dich nicht aus Angst davor zurückhalten, was andere Menschen über Dich und Dein Handeln denken könnten! Es sind ihre Probleme, die sie damit haben, nicht Deine.

„Ich kenne keinen sicheren Weg zum Erfolg, aber einen sicheren Weg zum Misserfolg: Es allen Recht machen zu wollen.“ – Platon